Übermorgen über den Wolken


Klimafreundliches Fliegen – auf dieses Ziel arbeitet Wissenschaftler Professor Josef Kallo vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und von der Universität Ulm hin. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er das Brennstoffzellenflugzeug HY4, das 2016 zum Erstflug am STR abhob. Im Frühjahr 2019 wird das weiterentwickelte Modell zu weiteren Tests starten. Im Interview erklärt Kallo, wie er die Zukunft am Himmel sieht.

Herr Kallo, was verstehen Sie unter der Mobilität von morgen?

Josef Kallo: Ich denke, das Kernthema ist die Intermodalität, also das Zusammenführen von verschiedenen Verkehrsmitteln. Wir müssen es schaffen, Schienen-, Straßen- und Luftverkehr klimafreundlich und komfortabel zu verbinden. Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass wir heute schon so weit sein werden.

Welche Rolle spielt dabei das Fliegen?

Die Nachfrage steigt. Immer mehr Menschen sind in der Luft unterwegs. Umso wichtiger ist es, dass emissionsarme und leise Maschinen alltagsfähig werden. Ich gehe davon aus, dass unsere HY4 und ihre Nachfolger in etwa 15 Jahren mit vierzig Personen an Bord Strecken von bis zu 2.000 Kilometern fliegen können – das entspricht in etwa der Distanz von Stuttgart bis nach Lissabon.

Die HY4 ist 2016 am STR bereits abgehoben, woran arbeiten Sie aktuell?

Im Kern geht es immer darum, neue und leichte Energiesysteme mit alternativen, klimafreundlichen Antrieben zusammenzubringen. Mit der HY4 haben wir das geschafft und die Funktionalität beim Erstflug bewiesen. Das Flugzeug ist abgehoben. Jetzt arbeiten wir daran, das Konzept marktreif zu machen.

Josef Kallo vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und von der Universität Ulm - er entwickelte die HY4.

Was bedeutet das konkret?

Wir müssen die Regelparameter ausführlich testen, also zum Beispiel das Zusammenspiel der Brennstoffzelle und der Batterie bei unterschiedlichen Temperaturen. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass Wartungsarbeiten einfach erledigt werden können.

Welche Rolle spielt der Stuttgarter Flughafen dabei?

Der STR unterstützt unsere Forschung schon seit vielen Jahren, nicht zuletzt mit finanziellen Mitteln. Um Flugzeuge wie die HY4 in den Alltag zu integrieren, benötigen wir die Infrastruktur fürs Tanken, die Wartung und die Passagierabfertigung.

 

Beinahe lautlos hob die HY4 im Herbst 2016 das erste Mal ab und drehte vor über 60 Medienvertretern eine Runde am wolkenlosen Stuttgarter Himmel.

Wie lange dauert es noch, bis Fluggäste täglich mit der HY4 abheben?

Es ist realistisch, dass wir in circa sieben Jahren den Passagierbetrieb mit bis zu acht Personen an Bord aufnehmen können – die notwendige Finanzierung vorausgesetzt. In rund 15 Jahren können wir es schaffen, bis zu vierzig Personen gleichzeitig zu befördern.

Flugzeughersteller wie Boeing und Airbus, Technologieunternehmen wie Siemens – viele Global Player und zahlreiche Start-ups arbeiten an neuen Antrieben für Flugzeuge. Gibt es ein Wettrennen um die beste Technologie?

Wir tauschen uns in der gesamten Branche ständig aus. Letztlich geht es darum, dass wir zukunftsfähige Lösungen finden, um emissionsfrei und leise abzuheben. Und dafür werden wir sämtliche Technologien benötigen, die dem Markt zur Verfügung stehen.

Welche Rolle spielt die HY4 dabei?

Wir können mit unserem Antriebskonzept innereuropäische Strecken abbilden, das ist realistisch. Der Luftverkehr nimmt aber in allen Bereichen zu. Das bedeutet, dass zunächst auch Hybridlösungen, alternative Öko-Kraftstoffe als Kerosinersatz für die Langstrecke und Senkrechtstarter im Stadtverkehr ihren Platz finden werden, genauso wie unsere Lösung mit der Brennstoffzelle.

2019 wird die neueste Version der HY4 am Flughafen Stuttgart abheben. Was ändert sich zum Vorgängermodell?

Das neue Modell hat eine größere Reichweite. Die Doppelrumpfstruktur bleibt erhalten, mit dieser werden wir voraussichtlich bis 2022 weiterarbeiten. Der Unterschied wird für den Betrachter also nicht zu sehen sein. Man kann ihn aber hören: Die neueste Version ist nämlich noch leiser.

Partnerschaft für elektrisches Fliegen: Winfried Hermann, Minister für Verkehr in Baden-Württemberg (Mitte) und Walter Schoefer, Sprecher der FSG-Geschäftsführung (re), überreichten einen symbolischen Scheck an Professor Josef Kallo.

  • Region STR
  • Simon Kirchgeßner
  • 11/17