Flugangst: Cool bleiben an Bord


Eine Flugreise steht an – und viele Passagiere freuen sich aufs Abheben. Manche aber bekommen über den Wolken ein mulmiges Gefühl. Pilot Suk-Jae Kim sagt: „Wer mehr über die Luftfahrt weiß, kann die Reise genießen.“

Foto: Suk-Jae Kim (www.cockpitbuddy.com)
Foto: Suk-Jae Kim (www.cockpitbuddy.com) Spielplatz oder Arbeitsplatz? Suk-Jae Kim hat Spaß beim Fliegen. Seine Leidenschaft versucht er anderen zu vermitteln.

Wenn er über seinen Job redet, strahlen die Augen von Suk-Jae Kim. Er tanzt förmlich durch Themen wie Flugphysik oder Operations – gespickt mit persönlichen Anekdoten. „Die Tatsache, dass Maschinen fliegen können, die schwerer sind als hundert Elefanten, ist für mich faszinierend“, sagt der vierzigjährige Pilot. „Für Laien ist das allerdings schwer zu verstehen, und das kann manchmal zu Angst führen.“

Seit er Flugzeugführer ist, wird Kim von Freunden und Fremden mit Fragen gelöchert – warum ruckelt es manchmal beim Start? Dürfen Piloten im Cockpit schlafen? Oder: Hast du schon einmal eine brenzlige Situation erlebt? „In Gesprächen merke ich regelmäßig: Je mehr die Leute über die Luftfahrt wissen, desto sicherer fühlen sie sich über den Wolken“, sagt der gebürtige Schwabe mit koreanischen Wurzeln.

Alle Systeme doppelt vorhanden

Ähnliche Erfahrungen hat auch Christina Ellenberger gemacht. Drei Jahre arbeitete sie als Flugbegleiterin und beruhigte an Bord so manches Mal nervöse Reisende. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allens­bach fühlt sich tatsächlich jeder vierte Passagier unbehaglich über den Wolken. „Man merkt schnell, wenn jemand unruhig wird“, sagt Ellenberger. „Das können die unterschiedlichsten Personen sein: Männer, Frauen, Businessreisende, Rentner oder Studenten.“

Ellenberger selbst gefiel es hoch oben hingegen immer besser, und so begann sie die Pilotenausbildung. „Dann hatte ich den schönsten Platz – ganz vorne im Flugzeug, am großen Fenster“, sagt sie. Mehr als zwölf Jahre saß Ellenberger in der Kanzel und brachte tausende Passagiere zu den unterschiedlichsten Zielen.

Als sie allerdings nach der komplizierten Geburt ihrer Tochter fluguntauglich wurde, entschloss sie sich, Menschen mit Angst zu helfen. Dafür machte die inzwischen zweifache Mutter eine psychotherapeutische Ausbildung. Heute bietet sie individuelle Coachings an, auf Wunsch der Teilnehmer auch mit gemeinsamem Abheben. „Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel der Welt“, sagt Ellenberger. „Die meisten Menschen haben Angst, weil sie nicht wissen, dass alle wichtigen Systeme im Flugzeug doppelt vorhanden sind – die essenziellen gibt es sogar dreifach. Dazu gehören beispielsweise Hydraulik-, Elektrik- und auch das Treibstoffsystem. Wenn also eines ausfällt, gibt es zur Sicherheit immer mindestens eine Rückfallebene, hierbei spricht man von Redundanz.“

Foto: Ron Cherian (Team Flugvertrauen) Keine Angst vorm Abheben: Christine Ellenberger saß über zwölf Jahre im Cockpit.
Tipps gegen Flugangst

Vorbereitung hilft: Der allgemeine Stresspegel sollte schon einige Tage vor der Reise möglichst heruntergefahren werden. Wer außerdem rechtzeitig am Airport ist, kommt nicht in Hektik. Die Lieblingsmusik im Kopfhörer, bequeme Kleidung und der richtige Platz helfen ebenfalls. In der Mitte des Flugzeugs über den Tragflächen ruckelt es beispielsweise am wenigsten. „Außerdem fühlen sich viele Passagiere auf den Plätzen am Gang freier“, so Christina Ellenberger.

Wissen beruhigt: „Informieren Sie sich vor dem Start über die Sicherheit von Flugreisen und die Routine an Bord – und zwar nicht mit Hollywood-Filmen“, empfiehlt Ellenberger. „Wer als Passagier weiß, dass Sicherheit beim Fliegen an erster Stelle steht, wie gut ausgebildet das Personal ist und welche Checks Maschinen unterzogen werden, hat schon einen großen Vorteil", sagt Suk-Jae Kim.

„Pling“: Kaffee für den Captain

Wissen hilft gegen Flugangst – diese Erfahrung machte auch Pilot Kim. Deshalb startete er vor zwei Jahren unter dem Pseudonym Cockpit Buddy einen Podcast, gründete eine Facebook-Gruppe und beantwortet über diese Kanäle Fragen rund ums Fliegen. „Ich dachte mir: Irgendwie ist es unfair – für mich am Steuerknüppel ist Abheben das Größte. Andere sind nur froh, wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen haben“, so Kim.

Einer seiner Fans ist Carmen Leitner. „Früher war Fliegen für mich eine lästige Pflicht, und ich hatte hoch oben auch immer einen hohen Puls“, sagt sie. Aus beruflichen Gründen war die Fotografin dennoch häufig in Jets unterwegs. „Schon Tage zuvor wurde ich nervös. Das wollte ich ändern“, sagt sie. „Während des Fluges haben mich die kleinsten Dinge unruhig gemacht. Wenn beispielsweise der markante „Pling“-Ton kam. Dank Suk-Jae weiß ich jetzt, dass der Pilot auf diese Weise beim Kabinenpersonal manchmal einen Kaffee bestellt“, so die 38-Jährige.

Heute bekommt sie keine Schweißausbrüche mehr vor dem Take-off. „Auch mein Mann freut sich über meine neue Freiheit“, sagt sie. „Jetzt kommen ganz viele Urlaubsziele für uns infrage. Ich hätte so viele Fotos nicht gemacht, Orte nicht gesehen und Menschen nicht getroffen, wenn ich nicht Kims Podcasts gehört hätte“, sagt Carmen Leitner glücklich.

Foto: Carmen Leitner (carmenandingo.com) Entspannt am Strand: Seit Carmen Leitner ihre Flugangst bekämpft hat, reist sie gerne mit ihrem Mann zu den schönsten Plätzen des Planeten.
Entspanntes Fliegen kann man lernen

Es gibt viele Seminare gegen Flugangst. Die Stiftung Warentest hat eine Checkliste erstellt, die bei der Recherche hilft. Dort taucht auch der Anbieter SkyCair auf, bei dem Christina Ellenberger als Coach arbeitet. Alle Informationen dazu gibt es unter test.de/Checkliste-Flugangst.

Mehr über den Cockpit Buddy Suk-Jae Kim steht unter stuttgart-airport.com/blog in der Rubrik Randnotizen. Seine Podcasts finden Interessierte auf der Seite cockpitbuddy.com.


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  • Simon Kirchgeßner
  • 02/19