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„Werden Fliegen mehr zu schätzen wissen“


Matthias Horx ist einer der aktuell renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher. Seine „Regnose“ zur Corona-Pandemie wurde 2020 im Internet zu einem weltweiten Klickhit. Wie er unser Mobilitätsverhalten nach der Pandemie einschätzt und warum er denkt, dass Overtoursim keine Zukunft hat, erklärt er im Interview.

Herr Horx, Sie beschäftigen sich als Zukunftsforscher hauptberuflich mit dem Übermorgen. Viele können es kaum erwarten, wieder in die Ferne zu reisen, neue Kulturen zu entdecken, Verwandte besuchen, oder einfach an einem schönen Strand zu entspannen. Wann wird es soweit sein?

Horx: Es wird ein langer, gradueller Prozess, bei dem aber nicht mehr das "alte Normal" wiederkommt, sondern sich vieles generell ändern wird. Die teilweise übersteigerten Zuwachsraten des Flugverkehrs, die ständige Verbilligung des Fliegens - das war ja schon lange nicht mehr nachhaltig. Es wird in Zukunft in den Flughäfen deutlich gemächlicher zugehen, weniger hektisch und wohl auch regulierter. Pandemien können ja jederzeit wiederkommen, das macht alle Plätze mit Menschenballungen eher suspekt und Kontrollen noch nerviger. Die Reiseformen werden sich wieder mehr differenzieren, vielleicht fährt man mehr mit dem Nachtzug, oder dem Schiff. Oder dem Zeppelin. Naja, ich übertreibe. .

Werden wir dann dort weitermachen, wo wir vor der Krise aufgehört haben, erleben wir gar Nachholeffekte? Wie wird sich das Reiseverhalten nach der Corona-Krise entwickeln?

Horx: Einige Menschen werden natürlich erstmal richtig auf die Pauke hauen und gleich drei Flüge nach Mallorca buchen. Kann sein. Aber solche existentiellen Krisen wie Corona hinterlassen bei den meisten Menschen tiefere Veränderungen. Corona hat unsere ganze Gesellschaft, unsere ganze Ökonomie, auf Dauer entschleunigt. Das macht einfach manche Verhaltensformen, die früher gang und gäbe waren, unangenehm, unattraktiv. Saufen am Ballermann und in Ischgl wird irgendwie nicht mehr so sehr en vogue sein. Man wird sich mehr auf Reiseziele einlassen.

Erstes atmosfair-Terminal Deutschlands am Flughafen Stuttgart: Schon 2011 gab es am STR die Möglichkeit, die Emissionen der anstehenden Flugreise zu kompensieren.
Gruppe bewusst Reisender wird größer

In einem Interview mit der FAZ haben Sie gesagt, dass eine wachsende Gruppe von Menschen in Zukunft gezielter, ökologischer und nachhaltiger konsumieren wird. Wie wirkt sich diese Entwicklung Ihrer Meinung nach auf das Reiseverhalten aus, speziell mit Blick auf Flugreisen?

Horx: Die ökologische Frage spielt einfach für eine größere Gruppe eine größere Rolle. Ich zum Beispiel habe immer schon meine Flugreisen mit CO2-Kompensationen ausgeglichen. Da war ich ziemlich allein. Mir ist das jetzt zu wenig. Ich will Flugzeuge mit SynFuel [synthetisch hergestelltes Kerosin, Anm. d. R.], und ich wäre auch bereit, dafür deutlich mehr zu bezahlen. Die Gruppe dieser "bewusst Reisenden" wird größer, und sie wird mehr Druck machen auf die Märkte. Die kommenden Jahre werden vom Kampf gegen die Klimaerhitzung geprägt werden, wir treten in ein neues postfossiles Zeitalter ein. Corona war dafür sozusagen eine Vorübung.

Wie sieht für Sie die Mobilität der Zukunft aus und welche Rolle spielt dabei der Luftverkehr?

Horx: Fliegen wird sich noch deutlicher auf Mittel- und Langstrecken konzentrieren und sich mehr in die Kombination anderer Verkehrsmittel integrieren.

Synthetische Kraftstoffe, E-Fuels oder auch Power-to-Liquid (PtL) – weltweit tüfteln Forscherteams daran, Flugzeuge klimafreundlicher zu betreiben. Beim PtL-Verfahren entsteht flüssiger Treibstoff aus regenerativ erzeugter Energie, CO2 und Wasser.
Keine Zukunft für Overtourism

Was bedeutet diese Entwicklung für die Tourismus-Industrie?

Horx: Viel Mittelmäßiges wird wegfallen. Marktbereinigungen, die sowieso schon anstanden, werden beschleunigt. Der Overtourismus in vielen Destinationen hat keine Zukunft. Venedig wird nicht mehr zum alten Massen-Gewühl zurückkehren.

Sie selbst waren vor der Pandemie als Vortragsredner auf vielen Events unterwegs und sind viel gereist. Wie hat sich das für Sie angefühlt, plötzlich nicht mehr so viel unterwegs sein zu können?

Horx: Erst befremdlich, dann erleichternd. Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich das Geklapper an der Sicherheitskontrolle und dieses ganze Gangway-Marschieren und sich In-Sitze-Hineinzwängen gar nicht so sehr vermisst habe. Aber, wenn ich ehrlich bin, habe ich auch vor Corona schon mehr als die Hälfte meiner Kilometer mit meinem Tesla zurückgelegt - quer durch Europa.

Keine Schlangen, wenige Menschen und viel freier Raum: So sah man den Markusplatz in Venedig vor der Pandemie selten.
Zu viel macht keinen Spaß

Kann ein Vortrag oder eine Beratung per Video-Schalte einen Vor-Ort-Termin ersetzen?

Horx: Nein, aber hier bildet sich ein eigenes Genre aus, das noch dazulernen wird. Videokonferenzen sind eine eigene Sozialtechnik, da wird sich noch viel tun, bis hin zu 3-D-Repräsentationen der Teilnehmer. Umgekehrt merken wir, dass viele Business-Reisen nicht wirklich nötig waren. Jedenfalls nicht aus Business-Gründen. Es waren eher Privilegien-Prämien ...

Inwiefern wird sich der Wert einer Flugreise verändern?

Horx: Man wird das Fliegen vielleicht wieder mehr zu schätzen wissen. So geht es ja mit vielen anderen Dingen unseres Lebens auch: Extreme Verbilligung und Routinen haben uns den Genuss verdorben. Das ewige 'Zuviel' hat keinen Spaß mehr gemacht, hat uns auch unglücklich gemacht. Menschen werden weniger fliegen, aber dabei vielleicht wieder mehr Wertigkeit erleben.

Nutzt bestimmte Techniken, um ein Bild der Zukunft entstehen zu lassen: Matthias Horx machte die Methode der 'Regnose' zu Beginn der Pandemie weltweit bekannt. Mehr zur Person steht auf der Homepage Horx.com. Seinen aktuellen Zukunftsreport finden Interessierte auf der Homepage des Zukunftsinstituts unter www.zukunftsinstitut.de.
Glokalisierung: Global und lokal im Fokus

Viele Experten gehen davon aus, dass Geschäftsreisen stark zurückgehen. Gleichzeitig sind vorne die teuersten Plätze im Flugzeug und diese machen günstigere Sitze im Eco-Bereich erst möglich. Werden Flugreisen wieder zum Privileg für wenige?

Horx: Dafür wird es neue Geschäftsmodelle geben. Es heißt dann vielleicht nicht mehr "Business Class" sondern "Space Class" - für mehr Raum und Luft.  Oder "Gourmet Class". Oder "Work in the Sky" - Flieger, die Tagungs- und Büroarbeitsplätze im Fliegen anbieten. Es könnte auch eine Entwicklung zu kleineren, flexibleren Flugzeugtypen geben, Point to Point. Die General Aviation könnte noch einmal einen Evolutionsschub machen. Allerdings wird die CO2-Frage überall eine entscheidende Rolle spielen. Der Flugverkehr konnte einfach nicht "geradeaus" so weitermachen - wie viele andere Branchen auch, denken Sie an Mode oder Fleischproduktion. Eigentlich war der Trend zum Massenfliegen schon gebrochen, als der A 380 eingestellt wurde.

Sie sagen, wir werden künftig mehr „Glokalisierung“ sehen. Was genau meinen Sie damit und welche Auswirkungen hat das auf das Mobilitätsverhalten der Menschen?

Horx: : Die Hyper-Globalisierung ist vorbei. Das wird besonders den interkontinentalen Tourismusverkehr betreffen. Ich glaube nicht mehr, dass Hunderttausende von Chinesen so schnell wieder Europa besuchen werden. Corona lässt uns auch ein bisschen kontinental auseinanderrücken. Wir fremdeln in Epidemiezeiten immer etwas miteinander, das ist ganz natürlich. Kulturelle Unterschiede werden stärker wahrgenommen. Viele Menschen beziehen sich wieder mehr auf ihr Land, ihre Region, vielleicht nimmt auch der Trend zum jährlichen Dritt- und Vierturlaub etwas ab. Allerdings wird die Globalisierung auch nicht völlig aufhören. Es gibt ja unglaublich viele internationale Familien. Und auch die Arbeitsmigration wird bleiben.

STR für Klimaschutz im Luftverkehr
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  • Simon Kirchgeßner
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