Cops im Cockpit


Eilige Einsätze, gefährliche Situationen, und das auch bei starkem Wind und schlechter Sicht – die fliegenden Polizisten der Hubschrauberstaffel brauchen gute Nerven und einen kühlen Kopf. Wenn sie abheben, zählt meist jede Sekunde.

„Wir können mit unserem Fluggerät fast überall landen.“

Ein Alarm ertönt bei der Polizeihubschrauber-Staffel am Stuttgarter Airport. Einsatz für Philipp Zürn, Uwe Polzin und André Rudisch. Sie wirken ruhig, aber hoch konzentriert. Gemeinsam schaut sich das Team in der Flugeinsatzzentrale die eben angekommenen Informationen an. Wo geht es hin, was ist der Auftrag, und was wird benötigt? Sobald alle wichtigen Fakten gesammelt sind, heben sie ab. „Wenn wir morgens zum Arbeiten gehen, wissen wir nie genau, was uns erwartet“, sagt Philipp Zürn. Er ist Pilot des Airbus H 145, dem derzeit modernsten Polizeihubschrauber-Muster der Welt. Die Heli-Cops spüren Straftäter auf, transportieren Spezialkommandos zu Einsatzorten oder suchen nach vermissten Personen.

Einsätze warten nicht auf Sonnenschein: Pilot Philipp Zürn (Mitte) sorgt gemeinsam mit Co-Pilot Uwe Polzin (links) und André Rudisch (rechts) bei fast jedem Wetter für Sicherheit in Baden-Württemberg.
Was bisher geschah: Vor jedem Abflug holt sich die Crew die wichtigsten Informationen in der Einsatzzentrale.

„Man könnte sagen, der H 145 ist ein fliegender Laptop.“

Heute soll das Team eine Frau finden, die mitten im Wald in Lebensgefahr schwebt. Ihr Mann hat die Rettungskräfte alarmiert, kann den Standort aber nicht genau bestimmen. Außerdem hat er schlechten Handyempfang. Jetzt geht es um jede Sekunde.

Bei der Suche hilft das Forward-Looking-Infrared-Kamera-System, kurz FLIR. „Man könnte sagen, der H 145 ist ein fliegender Laptop“, erklärt André Rudisch. Als System-Operator bedient er das FLIR. Nachdem Zürn und Co-Pilot Polzin den Helikopter zum Einsatzort bewegt haben, beginnt sein Job. „Das System legt die Aufnahmen der Außenbordkamera, Wärmebilder, Straßennamen und präzise Koordinaten übereinander“, sagt Rudisch. „So haben die Einsatzkräfte am Boden Live-Bilder aus der Vogelperspektive.“

Nur wer auf Streife war, darf abheben

Das Team im Bussard – so der Funkrufnamen des Hubschraubers – kann sich gut in die Lage der Kollegen am Boden versetzen. „In unserer Staffel sind aktuell vierzig Pilotinnen und Piloten sowie zehn Operatoren. Allesamt waren zuvor im Streifendienst“, erklärt Martin Landgraf, stellvertretender Leiter der Spezialeinheit. „Unsere Philosophie ist es, Polizisten zu Piloten zu machen und nicht umgekehrt.“ Ein Studium an der Polizeihochschule ist lediglich die Eintrittskarte zur Laufbahn. In die Fliegerausbildung darf nur, wer körperlich topfit ist und ein umfangreiches Auswahlverfahren besteht. Rund eine halbe Million Euro investiert die Polizei, bis die Mitarbeiter als Pilot in Command abheben dürfen. Fünf Jahre dauert die Ausbildung. „Bewerber benötigen vor allem zwei Stärken: Sie müssen multitaskingfähig und belastbar sein“, erklärt Landgraf. „Denn der Beruf ist anstrengend.“

Techniker Samuel Prosec und Martin Landgraf inspizieren die Rotorblätter.
Fliegen bei fast jedem Wetter
Philipp Zürn ist Einsatzpilot bei der Polizeihubschrauberstaffel in Baden-Württemberg.

„Der Job ist spannend, und ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit“, sagt Pilot Zürn. „Aber: Wenn wir abheben, hat das immer einen ernsten Hintergrund. Wir fliegen nicht zum Spaß“, so der 36-Jährige. Besonders bei schlechter Sicht und starkem Wind ist die Aufgabe eine Herausforderung. Andererseits: „Bei gutem Wetter sind meist mehr Menschen an der frischen Luft unterwegs. Deshalb gibt es bei Sonnenschein auch mehr Einsätze“, erklärt Zürn. „Wir müssen aber auch bei schlechtem Wetter ran.“ Die Piloten heben selbst dann noch ab, wenn Passagiermaschinen längst nicht mehr in die Luft gehen. „Das ist echtes Einsatzfliegen“, sagt Landgraf.

„Wir steuern die Hubschrauber im Sichtflugverfahren. Das bedeutet, dass wir sämtliche Hindernisse mit den Augen erkennen müssen“, so Zürn. Damit die Cops auch im Dunkeln den Durchblick behalten, gibt es für Nachteinsätze eine zweidimensionale Bildverstärkerbrille, die auf den Helm montiert wird. „Trotzdem startet eigentlich niemand gerne, wenn es dunkel ist“, sagt der Pilot.

Schweben ist nicht einfach

Multitasking ist wichtig, weil Hubschrauber instabile Fluggeräte sind. Flexibel und wendig zu sein ist bei Einsätzen hilfreich, fordert von den Piloten aber viel Konzentration und Übung. Mit den Füßen steuern sie über Pedale die Drehung um die Längsachse. Mit der einen Hand wird der Hubschrauber nach rechts und links bewegt. Der Knüppel auf der linken Seite ist vergleichbar mit dem Schubregler beim Flugzeug. „Damit gebe ich Gas und bewege den Hubschrauber rauf und runter“, erklärt Zürn. Gleichzeitig hat er mehrere Funkkanäle auf den Ohren. Kommuniziert mit Towerlotsen, hört den Polizeifunk und verständigt sich mit seinem Team im Hubschrauber. Außerdem ist die Einsatzzentrale auf den Helm geschaltet.

In jeder Hand ein Knüppel und auch die Füße helfen beim Lenken des Luftfahrzeugs.
Raus und rein: Vom Hangar zum Heliport und umgekehrt darf der Hubschrauber Schlitten fahren.

"Am schönsten ist es, in Stuttgart zu landen."

„Auf einem Punkt in der Luft zu schweben ist gar nicht so einfach, im Einsatz aber oft wichtig“, erklärt Zürn. So wie heute. Mithilfe der Wärmebildkamera hat das Team die gesuchte Frau geortet und kann den Kollegen die Koordinaten durchgeben. Nach erster notärztlicher Versorgung wird sie in eine Klinik gebracht. „Es ist schön zu wissen, dass wir dabei helfen, Menschenleben zu retten“, sagt Zürn. Ist kein Bodenteam in der Nähe, kann es auch vorkommen, dass die fliegenden Polizisten selbst Erste Hilfe leisten. „Mit unserem Helikopter können wir fast überall landen. Am schönsten ist es aber, wenn die Rotorblätter am Stuttgarter Flughafen zum Stehen kommen“, sagt Zürn. „Dann ist sicher, dass wir wieder gut zu Hause angekommen sind.“

Polizeihubschrauberstaffel: Cops im Cockpit
Schon gewusst, ...

... dass die Polizei in Baden-Württemberg mit dem modernsten Hubschrauber der Welt operiert?

Die technischen Daten des Helikopters: 

Bezeichnung

Airbus H 145

Triebwerke

2 x Turbomeca Arriel 2E

Leistung

je Triebwerk 575 kW / 782 PS

Höchstgeschwindigkeit

280 km/h

Max. Abfluggewicht

3.700 kg

Länge / Breite / Höhe

13,63 m / 2,45 m / 3,45 m

Durchmesser (Hauptrotor)

11,00 m

Tankinhalt / Reichweite

903,8 l / 670 km


  • Stories STR
  • Simon Kirchgeßner
  • 06/19